Mittwoch, 16. April 2014

"Hört auf!" - Warum wir durch Hören "Sind".

"Eine der merkwürdigen Verfallserscheinungen des modernen Menschen ist die zunehmende Abschwächung seines akustischen Sinnes."
Marius Schneider, Musikethnologe


Ich arbeite seit über 15 Jahren beruflich in verschiedenen Bereichen des "Hörens" - in meinem Studio KMC und in der Modern Music School. Ich bin also ein professioneller Hörer. Außerdem höre ich seit ich denken kann "bewusst" - erst Hörspiele als Kind und dann natürlich relativ schnell Musik. Da bleibt es nicht aus, dass man sich fragt, was überhaupt hinter dem Hören und dem dazugehörigen Organ, eben unseren Ohren, steckt. Denn sie machen die Freude am Musikhören oder der Kreation von musikalischen Werken erst möglich. Dabei meine ich überwiegend keine biologische Abhandlung über das Gehör, sondern eher eine, nun ja, philosophische Herangehensweise...

Einen ersten Hinweis auf die Relevanz dieses Sinnesorgans kann man schon im Sprachgebrauch erkennen. "Hör auf" - mit diesem gehörbezogenen Ausspruch fordert man auf, eine Tätigkeit einzustellen. Oder: "Du hörst mir überhaupt nicht zu!" - wie oft hört man diesen Vorwurf im gesellschaftlichen, sozialen Miteinander! Für die menschliche Kommunikation ist das Gehör also das primäre Mittel für den Austausch von Informationen, Gefühlen etc. Stummfilme kamen nicht ohne Texteinblendungen aus - ohne Dialoge oder Erklärungen ist es einfach zu schwierig, Geschichten oder generell Sachverhalte präzise darzustellen. "Vernunft" stammt von dem Wort "Vernehmen", also dem Hörvorgang. "Versehen" leitet sich ab von "Sehen"...

Ein absoluter Meister im in Sachen "Hören" war Joachim-Ernst Berendt, ein deutscher Autor, Musikjournalist und Produzent. Der Jazz in Deutschland hat ihm viel zu verdanken. In seinen Werken (Das Dritte Ohr; Nada Brahma; Kraft aus der Stille) gibt er viele Hinweise aus der Natur, die die Relevanz des Hör-Sinns unterstreichen. Seine Schreibweise mag zunächst sehr esoterisch-philosophisch anmuten, und es sind teilweise auch Bücher, die in diesem Genre anzusiedeln sind. Dennoch machen seine Worte bewusst, was es heisst, zu Hören:

"Bevor wir diese Erde betreten - und unser ganzes Leben hindurch, auch dann, wenn in der Stunde des Todes bereits alle anderen Sinne versagen -, hören wir - was doch signalisiert: mit keinem unserer Sinne sind wir so sehr, wie wir hörend sind! Muss das nicht der eigentliche Grund dafür sein, dass wir unsere Ohren nie und nimmer schließen können, solange wir leben? Weil Hören Sein ist?" (aus "Das Dritte Ohr", S. 103, Traumzeit Verlag)


Es gibt zudem eindeutige Fakten der Natur, die kaum einem bekannt oder bewusst sein dürften:
  • die Wahrnehmungsbreite des Ohrs ist exakt zehnfach größer als des Auges
  • kein anderes Organ spricht auf minimalste Impulse an wie das Gehör
  • das Bewusstsein beginnt im Mutterleib mit dem Hören des Herzschlags der Mutter; die Ohren sind das erste vollständig entwickelte Organ
  • das Ohr ist der einzige menschliche Sinn, der sowohl Zahlgröße als auch Zahlwert erkennen kann (1:2 als Oktave, ...)
Man kann sogar die Bedeutung des Hörens als überlebenswichtig einstufen. Im Schlaf schliessen wir Augen und Mund. Die Ohren aber können wir nicht „zumachen“. Wir hören immer.

Daraus resultiert, dass es für einen Menschen in ziemlichen (unbewussten) Stress münden kann, wenn dieser ständig Lärm, zufälliger Musik und sonstiger akustischer Umweltverschmutzung ausgeliefert ist. Trotzdem sind wir einen permanenten Geräuschpegel gewohnt und empfinden absolute Stille als unangenehm. Übrigens: in schalltoten Räumen, wie sie z.B. zum Messen von Mikrofonen existieren, fällt man um, wenn man die Augen schließt. Ohne jegliche Rauminformation durch die Augen, noch mehr aber die Ohren, fehlt jeglicher Orientierungs- und Gleichgewichtssinn. Dieser ist im Gehör angesiedelt.

Es gibt Studien, nach denen taube Menschen wesentlich aggresiver sind als Blinde. Wir kommen hörend in dieser Welt einfach besser zurecht als nur sehend. Das Auge alleine erlaubt uns keine ausreichende Kommunikation und keine Warnung vor Gefahren.

Dies macht deutlich, wie sehr es uns positiv beeinflussen kann, sich etwas mit Musikhören zu befassen. Und es lässt einen auch doch irgendwie ahnen, dass man Musik vielleicht nicht nur durch die kleinen „Laut“sprecher des Handys in einer geringen Auflösung hören sollte. Dazu in einem späteren Beitrag mehr.

Für den absolut größten Teil der Menschheit zählt Musik zu den positivsten Dingen im Leben. Sie mag nicht die größte Rolle im Leben spielen, aber ich kenne keinen, der sagt: "Ich mag Lieder und Musik allgemein nicht!". Musik kann Erinnerungen wecken und Emotionen erzeugen. Für viele sind nur wenige Sekunden eines bestimmten Songs nötig zu hören, um zurückversetzt zu werden an das erste Date, an einen Sieg der Lieblingsmannschaft im eigenen Stadion usw.

Diese Eigenschaften kann man sich zunutze machen - wenn man etwas bewusst vorgeht. Es ist im Alltag nicht möglich, jeder akustischen Hintergrundberieselung zu entgehen und sicher auch nicht nötig. Aber es ist vergleichbar mit bewusster Ernährung - man muss nicht unbedingt Vegetarier werden; aber bewusster Konsum von Fleisch erhöht den Genuss dessen und dient der Gesundheit. Ähnlich ist es bei Musik. Es gibt etliche Hinweise der Natur, dass dem Gehör eine besondere Bedeutung zukommt.

Musik nur im „vorbei gehen“ zu Hören ist wie Fast Food. Kurz macht es satt, hinterher fragt man sich, was der Sinn war und man hat noch mehr Hunger. Bewusst genossen, ist die Dosis eventuell geringer, aber wesentlich befriedigender und nahrhafter.

Da die Natur dem Gehör so viel Bedeutung zugesteht, ist es überaus wichtig, diesem Sinnesorgan nur Gutes zu tun, um ausgeglichen sein zu können. Ständige Belastung tut nicht gut. Wir sollten entscheiden, was, wieviel, wie laut und in welcher Qualität wir unserem Gehör und damit uns selbst zumuten.

Nach diesem etwas esoterisch-philosophisch angehauchten Beitrag mit vielen Denkanstössen geht es nächste Woche wieder konkreter um Strategien für Musikhören in der Gegenwart.

Bis dahin
Timo

Montag, 7. April 2014

Musikhören im Playlist-Zeitalter

Wir haben ein Zeitalter erreicht, in dem das Produkt Musik anders wahrgenommen, konsumiert und produziert wird. Generationen, die vor den 90er-Jahren das Licht der Welt erblickten, wuchsen mit den Wechsel auf die CD auf und der Schritt zum Streamen kam einem Paradigmenwechsel gleich. Heute ist es Alltag. Die Album-Kultur verschwindet, langer und nachhaltiger Künstleraufbau scheint schier unmöglich.




Ich würde mich freuen, wenn ich mit meinen Posts mehrere Dinge erreichen und mehrere Arten von Lesern (und Hörern!) erreichen kann:
  • Menschen meiner Generation, für die der Schritt zu mp3s oder Streaming-Diensten eim genau so großer Schritt war wie der von der DM zum Euro und die damit kämpfen, dass sich Musik-Hören verändert hat
  • junge Menschen, denen nicht klar ist, dass man auch heute noch Spass an „Fan“-Sein haben kann und die eine Strategie benötigen, um sich im Überangebot zurecht zu finden
  • Künstler, die ihre Musik sinnvoll in die Welt bringen wollen
  • Musikschüler, die erstmal Hören müssen, um mit Aufnahmen oder Bands spielen zu können
  • Musiklehrer, die ihre Schüler verstehen müssen, um sie sinnvoll an Musik heranführen wollen
  • ältere Menschen, die die Welt der Musik und ihren Konsum im Internet-Zeitalter verstehen wollen


Ich möchte die Kultur des Hörens bewahren. Das klingt nach einem großen Ziel. Aber es darf nicht sein, dass es als seltsam betrachtet wird, wenn jemand sich mit Kopfhörern und dem Booklet einer Platte oder einer CD hinsetzt, die Augen schließt und hört. Ohne dabei online zu sein oder nach 4 Sekunden weiterzuschalten.

Ich selbst habe mich lange dagegen gewehrt, Musik nur noch online zu konsumieren. Zu sehr schien mein Lebenslauf auf Künstlerseite ausgerichtet zu sein. Musik ist für mich nicht eine Datei. Es gehören zumindest ein physischer Datenträger und ein Booklet dazu. Und dennoch war gerade dies ein Grund, sich mit den gegenwärtigen Fakten einmal auseinander zu setzen. Und das Beste daraus zu machen. Inzwischen bin ich soweit, dass ich mir das aktuelle Pearl Jam Album auf CD gekauft und im Schrank stehen habe. Ich höre es aber fast ausschließlich über Spotify. Das geht bekanntermaßen sogar offline, da ich das Album als Playlist auf dem iPhone gespeichert habe. Und es hat ja Vorteile - ich entdecke nach und nach die Schätze, mit den ich groß wurde und die ich nur noch auf Kassette besitze. Ein Medium, dass man heute wahrlich nicht mehr einsetzen möchte. Und so beschert mir die moderne Welt viele Zeitreisen in die Vergangenheit, Erinnerungen und Emotionen werden wach; und oft bin ich enttäuscht...die Helden meiner Jugend klingen für meine Ohren heute gar nicht mehr so aufregend oder interessant wie damals...meine musikalische Biographie findet also auch vermehrt in Playlists statt.

In meinem nächsten Beitrag geht es zunächst einmal darum, warum die Natur den Sinn des "Hörens" als so wichtig erachtet hat und woran wir dies erkennen.

Bis dahin
Timo