Donnerstag, 1. Mai 2014

Ist das Hören von mp3 und Co. zu anstrengend für unser Gehirn?

Neben den oft diskutierten "Vorwürfen" gegenüber mp3s und ähnlichen datenreduzierten digitalen Audioformaten wie Untergang der Albumkultur, keine großen Coverbilder mehr möglich etc. gibt es interessante Ansätze zu erklären, warum es rein körperlich sehr unangenehm ist, über einen längeren Zeitraum derartige Formate zu hören.

Dies geschieht unbewusst - kaum ein Musikkonsument kann benennen, was ihn dazu bringt, die Musik nach einer Weile abzuschalten. Dennoch kennen vielen dieses Phänomen, auch Jugendliche, die ja mit diesen Formaten aufwachsen.

Dies liegt hauptsächlich an zwei Faktoren:
  • fehlende Daten, die das Gehirn ergänzen muss
  • fehlende Dynamik durch zu viel Kompression
Dies sind keine wissenschaftlich eindeutig nachweisbaren Phänomene, es ist umstritten, ob es pauschal so für alle Hörer zutrifft. Aber die "Vorwürfe" sind andererseits nicht von der Hand zu weisen. Zumindest wurde folgendes bereits nachgewiesen: verschiedene Klangqualitäten haben auch verschiedene Hirnaktivitäten zur Folge - schlechtere Klangqualität benötigt mehr Areale im Gehirn und damit mehr Leistung. Auch wenn die Musik als mp3 o.ä. scheinbar "ok" klingt, ist das Unterbewusstsein immer mit dem Ergänzen der fehlenden Daten beschäftigt.

Viele meiner jugendlichen Schlagzeugschüler/-innen haben mir schon berichtet, dass sie nach einer Weile Probleme haben, weiter Musik zu hören - irgendetwas ermüdet sie und raubt ihnen die Konzentration. Das könnte daran liegen, dass das Gehirn die im Zuge der Datenreduktion entfernten Klanganteile wieder hinzurechnet - die Musik fordert also permanente Denkleistung, aber nicht für den musikalischen Inhalt, sondern um es für den Hörer wieder komplett erfassbar zu machen. Und man muss hier auch etwas weiter denken - Mobilfunkgespräche sind ebenfalls digital und datenreduziert. Wir müssen also nicht nur beim bewussten Musikhören, sondern auch beim teilweise belanglosen Telefonieren unser Gehirn anstrengen.

Erschreckend sind diese Entwicklungen meiner Meinung nach auf jeden Fall, und auch die Wissenschaft lässt dieses Thema nicht links liegen. Allerdings machen die Forscher auch nicht all zu viel Hoffnung:

"Wissenschaftler wollen herausfinden, ob sich Menschen an mindere Tonqualität gewöhnen können. Geht es um bewusste Wahrnehmung, ist dies bereits erwiesen, doch es könnte möglicherweise auch für unbewusstes Rezipieren gelten. Manche Forscher vermuten, dass Gehirne von Menschen, die schon als Jugendliche ausschließlich MP3-Musik hören, später die Lücken in der komprimierten Klängen nicht mehr füllen wollen und von schlechter Qualität völlig unberührt bleiben." (Die Welt; 05.10.13; http://www.welt.de/wissenschaft/article120646901/Warum-uns-komprimierter-Digitalklang-so-nervt.html)

Interessanterweise war auch mindestens eine Person, die die Musikindustrie durch ein datenreduziertes Format revolutioniert hat, lieber dem Vinyl-Schallplatten-Hören zugeneigt...die Auflösung, wer das war, folgt am Ende dieses Beitrags.

Der zweite Faktor - übermäßige Komprimierung der Dynamik - ist auch bekannt als "Loudness War". Eine gute und beeindruckende akustische Darstellung wird hier geboten: https://www.youtube.com/watch?v=3Gmex_4hreQ.

Generell steckt dahinter die Überlegung, dass laute Musik beeindruckender ist und dadurch im Radio, Club etc. eher wahrgenommen wird. Deshalb wird der Dynamikumfang durch entsprechende Prozessoren sehr stark eingeschränkt - eigentlich leise Passagen wie z.B. eine Bridge nur mit Akustik-Gitarre sind dann genau so laut wie der Refrain mit zwei Gitarren und fetten Drums. Man spricht in diesem Zusmmenhang übrigens von der Lautheit, nicht von der Lautstärke.

Ohne nun zu sehr ins tontechnische abzuschweifen - diese Methode führt in den meisten Fällen zu kurzen digitalen Übersteuerungen (Clippings). Und dies wird über eine längere Hördauer dann einfach auch unbewusst als sehr unangenehm empfunden. Bekannte Beispiele für extreme Lautheit und damit auch leider keinem sehr angenehmen Sound sind "Californication" der Red Hot Chili Peppers oder "Death Magnetic" von Metallica. Fans und Hi-Fi-Enthusiasten waren bei den jeweiligen Releases dieser Alben gleichermaßen enttäuscht und es gab sogar Unterschriftensammlungen, um neue Abmischungen/Masterings zu erreichen. Viele Hörer können kein komplettes Album durchhören, dass extrem in der Lautheit bearbeitet wurde.

Dies sollte man einfach mal bedenken, wenn man Musik hören möchte und die Wahl hat. Es muss sich nicht jeder mit einem Glas Rotwein vor den 20.000 Euro Schallplattenspieler setzen - aber es muss vielleicht auch nicht immer youtube in der geringsten Auflösung über eingebaute Lautsprecher sein. Vielleicht findet der/die ein oder andere ja heraus, dass man dann auch länger und mit noch mehr Spass Musik geniessen kann. Die lebende Legende Neil Young sagte in diesem Zusammenhang:

"What everybody gets [on an MP3] is 5% of what we originally make in the studio," he said. "We live in the digital age, and unfortunately it's degrading our music, not improving." theguardian.com,

Und wer war nun der Pionier, der die Musikbranche mit Digitalformaten und enstprechenden Abspielgeräten und einem Store revolutioniert hat - und dann doch daheim lieber den Plattenspieler laufen ließ - ganz klar: Steve Jobs. Lassen wir zum Abschluss noch einmal Neil Young zu Wort kommen, der momentan einen eigenen Player mit hochauflösenden Formaten an den Start bringt - ein Projekt, das eigentlich mit Steve Jobs als audiophiler iPod geplant war:

“Steve Jobs was a pioneer of digital music, but when he went home he listened to vinyl.” - Neil Young




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